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Aktuelles aus der brau.ART

Führung durch den „Planet 9“

12.09.2017.

Mit diesen schönen Bildern von Detlef Münnich, welche während des Künstler-Rundgangs und der ersten öffentlichen Führung gemacht wurden, möchten wir heute noch einmal das diesjährige Thema „Planet 9“ vorstellen.

Zur Eröffnung hat u.a. Herr Uwe Holz, Museumsleiter des Industrie- und Filmmuseum Wolfen, einen wunderbaren kleinen Vortrag gehalten; wofür wir uns auch an dieser Stelle noch einmal herzlich bedanken möchten!
Für alle, die zur Vernissage nicht anwesend sein – , oder die Worte von Herrn Holz in den großen Räumen nicht mehr vernehmen – konnten, dem dürfen wir an dieser Stelle den Vortrag in folgender  schriftlichen Variante an´s Herz legen. (s.u.)

Willkommen auf Planet 9! ~ brau.ART 2017

Fotogallerie mit Dank an: Detlef Münnich

 

 


 

Planet 9

Liebe Gäste

Es geht bei dieser Ausstellungseröffnung heute um nichts Geringeres als um ein Menschheitsthema. Es geht um die Suche. Und sagen Sie nicht, das sei zu hoch gegriffen. Ihre Anwesenheit allein bestätigt meine Behauptung. Sie sind heute hierher gekommen, getrieben von Neugier, in dem mehr oder minder unbestimmten Gefühl hier etwas zu finden zu können, weil sie eben Suchende sind. Suchend, angetrieben von Neugier. Sie haben Fragen, die sie wahrscheinlich nicht einmal als solche bezeichnen würden und Sie suchen Antworten oder Erkenntnisse, die sie ebenfalls nicht als solche bezeichnen würden.

Verzeihen Sie mir die Trivialität meiner Eröffnung, aber im Zeichen zunehmender Komplexität sollten wir uns etwas Mut zur Vereinfachung leisten. Einen Zusammenhang durch permanentes Hinzufügung von Fakten zu komplizieren ist keine große Leistung. Also, auf zu der Suche nach dem sagenumwobenen, mythengetränkten Planeten Nummer 9

Schauen Sie sich die Arbeiten an. Auch hier finden Beiträge zum Abbau von Komplexität statt, sie reduzieren eine Sache auf einen Kern, auf eine Hauptaussage und die Arbeiten sind wegen Ihrer Reduktion überschaubar, sind Hilfsmittel zum Verstehen der Welt. Kunst als Beitrag zur Bewältigung von Leben. Ni plus, ni moins

Zurück zu uns als Suchende, zurück zur Suche als zentrales Menschheitsthema. Suche nach Essen, Suche nach einem sicheren Schlafplatz, Suche nach Gemeinschaft, Suche nach dem Anderen, Suche nach der Gruppe. Menschheitsthema. Existenziell. Sind Nahrung, Unterkunft und Gemeinschaft gefunden, ist die Suche noch nicht beendet. Sie haben jetzt, nutzen wir ein Bild aus unserer Medien- und Spielegesellschaft, lediglich das nächste Level erreicht. Jetzt gilt es das Gefundene zu sichern. Und die Mühe beginnt von vorn. Sie stehen vor neuen Herausforderungen. Wir stellen uns neue Fragen und sind auf der Suche nach neuen Antworten. Zum Beispiel, warum diese Scheibe am Himmel steht und alles warm macht. Warum diese Scheibe verschwindet und eine andere kommt, und diese manchmal die Nacht hell macht und was das für Punkte am schwarzen Nachthimmel sind.

Ich war gerade erst in Danzig und habe mir das Johannes Hevelius Denkmal angeschaut. Hevelius hat 1647 eine sehr frühe Karte von der Oberfläche des Mondes veröffentlicht. Warum? Hevelius hat das nicht gemacht um zu Essen und einem Schlafplatz zu kommen, Hevelius gehörte zu den reichsten Familien Danzigs und war sogar einige Jahre Bürgermeister der Stadt. Warum setzt sich ein solcher Mensch eine für die damalige Zeit eine solche schwierige Aufgabe, wo nicht einmal die Not dazu besteht?

Aber wir brauchen uns in Sachen Astronomie gar nicht soweit von hier zu entfernen, um zu einer Geschichte zu kommen, die mit dem diejährigen Ausstellungsthema viel zu tun hat. Keine 30 min mit dem Auto entfernt von hier, im Papsthaus bei Radis, direkt neben Kemberg, erblickte 1812 ein ganz anderer Suchender, der Astronom Johann Gottfried Galle, das Licht der Welt. Er besuchte das Gymnasium in Wittenberg, studierte in Berlin, wurde Lehrer in Guben, ging dann wieder nach Berlin arbeitete dort als Lehrer für Mathematik und Physik, wurde dann an die Berliner Sternwarte berufen. Seine größte Leistung, die ihn in der Geschichte der Astronomie einen Platz in der vorderen Reihen dieser Wissenschaft einbrachte war Folgende: Er nahm den in einem Brief vom September 1846 an ihn gerichteten Hinweis des frz. Astronomen LeVerrier auf, der glaubte auf Grund von Berechnungen die Existenz eines weiteren Planeten in unserem Sonnensystem nachweisen zu können, der bisher von Niemanden gesichtet wurde. Nun Galle, entdeckte ihn in der folgenden Nacht nach Erhalt des Briefes. Wir kennen diesen Planeten heute unter dem Namen Neptun.

Dessau Elisabethstrasse, Radis, Berlin, Neptun und zurück zu uns. Zwei Dinge fallen mit im Zusammenhang mit der gerade eben berichteten Begebenheit ein: Beobachten und Suchen. Und der Gedanke, dass da!, ja wo genau?, da etwas sein müsste. Jetzt sind ja die Naturwissenschaften wie die Astronomie und die Kunst angeblich so unendlich weit voneinander entfernt. Und doch, so glaube ich, ist das ein gewaltiger Irrtum. Der Naturwissenschaftler wie der Künstler sind von sich aus, intensivst Suchende mit dem Ziel zu finden unter Nutzung jeweils unterschiedlichster Mittel.

Ziel beider ist es, Verstehen zu ermöglichen und durch das Verstehen Erkenntnisse zu gewinnen.

Gehen wir noch einmal zu Galle und LeVerrier zurück. LeVerrier wusste von etwas, das da sein musste, aber nicht zu sehen war. Galle konnte es sehen. Der Übertrag auf künstlerisches Schaffen ist einfach: Der Künstler ist in der Lage Berechnetes, Errechnetes, Erdachtes, Gedachtes durch Schaffen zu materialisieren.

Die Idee, die am Anfang aller Arbeit steckt, hilft uns in den unendlichen Weiten unseres menschlichen Hirns schon einmal eine Einengung des Suchfeldes vorzunehmen, so wie LeVerrier Galle eine Richtung vorgab in der zu suchen war. Suche hier, hier muss etwa sein. Und nun beginnt die Kreativität, das Wenden und Drehen, Formen, Färben und Verändern. Eine harte Zeit für den Schaffenden. Denn nicht immer ist die Richtung klar. Wer hier unter den Schaffenden kann am Anfang des Prozesses das Ergebnis seines Schaffens vorhersagen? Weist nicht allein die Unberechenbarkeit des Werkstoffes unvorhergesehene Wege, zwingt in nicht geplante Richtungen? Von der unberechenbarkeit unserer Gedanken dar nicht zu reden. Also auf, machen, nicht grübeln, einfach machen. Im schlimmsten Fall wird es eine Erfahrung. Und ich möchte auch das Goethes Wort „Es irrt der Mensch, solang er strebt“ nicht bestätigen. Das Irren ist nicht die zwangsläufige Folge des Strebens, welch eine pessimistische Weltsicht. In Ihrer Folge wäre es zwangsläufig alles Schaffen einzustellen um Irrtümer zu vermeiden. Tod jeder Kunst. Jedes Leben verneinend.

Nein wir müssen es ins Positive wenden und es mit Auguste Rodin sagen: Il faut travailler, rien que travailler. Et il faut avoir patience. Irrtümer, Fehlschläge sind eingepreist möchte ich hinzufügen.

Kommen wir zurück zum Begriff der Idee. Die Idee, die so etwas wie die noch nicht Gegenstand gewordene Vorstellung ist, die Idee, die darauf wartet vom Gedachten zum Wirklichen zu werden. Und zwischen diesen beiden Welten, dem Gedachten und dem Wirklichen, tut sich ein tiefer, so Manches verschlingender Graben auf, der den Namen Geschick trägt. Oder Handwerk. Oder Können.

Aber genau dieses Geschick, Handwerk oder Können schafft eine neue Welt. Neue Welten, mögliche Welten. Handwerk, Geschick und Können als Geburtshelfer von möglichen Welten. Vielen möglichen Welten, die nebeneinanderher bestehen. Wird es jetzt komplizierter oder großartiger?

Jetzt können wir uns in eine, wie ich finde wunderbare Welt der Spekulation einlassen. In die Spekulation nämlich, ob diese mögliche Welten seit jeher bestehen, oder ob sie erst in jedem einzelnen Falle neu geschaffen werden.

Sind die Dinge, die geschaffen werden eigentlich schon da? So wie der von LeVerreir errechnete Neptun? Oder müssen sie durch den Künstler erst aus dem Stadium des „nicht entdeckt seins“ befreit werden? Schönes Wort: Ent-deckt. Ich nehme die Decke weg, ent – decke das Objekt und mache es für alle sichtbar. Was zwangsläufig ja heißt, dass es schon da war, nur nicht für alle sichtbar. Ist der Schaffende vor allem Ent-decker? Und wir Betrachter nur Trittbrettfahrer oder um es freundlicher zu sagen Nutznießende seines Entdeckertums?

Eines ist sicher. Wir sind als Betrachtende künstlerischen Schaffens immer Gewinner. Wir lernen immer. Sei es, das wir unsere Sichtweisen bestätigt finden, was denen einen beruhigt, den anderen langweilt. Sei es, dass unser Denken und Empfinden auf neuen Bahnen gelenkt wird, oder um im Bilde zu bleiben, dass uns künstlerische Schaffen auf mögliche Bahnabweichungen unseres Denkens aufmerksam macht. Und im Ergebnis künstlerischen Schaffens neue Planeten ja vielleicht sogar neue Welten entdecken. Und Erkenntnisse gewinnen.

Denn das kann eines denkenden Menschen höchstes Glück sein: Aus eigenen Geistes Kraft die Grenzen seines Empfindens zu erweitern. Dazu aber gehört unbedingt die oft ermüdende Suche, die ewig Unruhe schaffende Neugier. Anstrengung und Mühe. Der Lohn aber ist groß und der heißt Erkenntis.

Ich kann gar nicht empathisch genug sagen: Machen Sie sich auf den Weg die hier gezeigten Welten zu entdecken. Erweitern Sie ihr Universum, lassen Sie Ihre Gedanken reisen, seien Sie bereit die üblichen Bahnen ihres Denkens zu verlassen. Es warten neue Planeten und mit diesen komplett neue Welten auf Sie. Und vielleicht sind Sie es, die mit Ihrem unvoreingenommenen Blick den Planeten 9 entdecken.

Und an die ausstellenden Künstler hier vor Ort die Bitte: Nehmen Sie uns, die Betrachtenden, die auch Suchenden, die auch Neugierigen, mit auf die Suche nach neuen Welten!

Wir werden gemeinsam viel finden. Und manches, was wir gar nicht gesucht haben.

Uwe Holz
Friedersdorf im September 2017


An dieser Stelle möchten wir auch noch einmal darauf hinweisen, dass regelmäßig öffentliche Führungen sowie Führungen für Schulklassen bei der brauART angeboten werden.

Folgende öffentliche Führungen sind derzeit geplant:

 

Öffentliche Führung, Jürgen Ludwig

Öffentliche Führung, Jürgen Ludwig

 

Termine:
Freitag, 15.09.2017 ab 18.00 Uhr

Freitag, 22.09.2017 ab 18.00 Uhr

Samstag, 23.09.2017 ab 18.00 Uhr

Führungen für Schüler- und Erwachsenengruppen: Mo. bis Do. Anfrage unter info@brauart-dessau.de

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